Diese Urkunde dokumentiert meinen Abschluss an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Ich veröffentliche sie als historisches Dokument, nicht als Prestigeobjekt. Sie trägt das Datum des 1. August 1994 und steht für Jahre intensiver Ausbildung, künstlerischer Arbeit und persönlicher Anstrengung. Es war eine Ehre, dieses Diplom zu erhalten. Und es war ein Kampf, es zu erreichen.
Damals schien eine solche Urkunde auch ein gesellschaftliches Versprechen zu enthalten: Wer sich einer anspruchsvollen Ausbildung unterzieht, wer Disziplin, Können und Urteilskraft entwickelt, erwirbt damit eine gewisse Anerkennung. Eine naive Vorstellung vielleicht. Heute kommt mir der gesellschaftliche Tauschwert dieses Diploms gelegentlich vor wie die Kreditkarte eines Bettlers: offiziell gültig, praktisch ohne Kreditrahmen.
„Du Opfer!“, sagt der zeitgenössische Volksmund. Eine bemerkenswerte Beschimpfung. Als wäre nicht die Ausübung von Macht, sondern ihre Erfahrung die eigentliche Schande. Arroganz und strukturelle Diskriminierung begegnen mir in dieser Verkehrung bis heute. Das ist keine Aufforderung zum Mitleid. Mich interessiert vielmehr, wer über Wert, Zugehörigkeit und Anerkennung entscheidet — und mit welcher Berechtigung.
Denn dieses Diplom hat seinen Wert nicht verloren. Geändert haben sich die Institutionen, die Arbeitsverhältnisse, die kulturellen Ökonomien und manche ihrer ziemlich armseligen Maßstäbe. Was ich gelernt habe, ist geblieben. Was ich seither geschrieben, gespielt, entworfen und entwickelt habe, ebenfalls. Und ich habe nicht aufgehört, neue Werkzeuge und neue künstlerische Formen zu schaffen.
Ich veröffentliche die Urkunde deshalb auch als Akt der Selbstermächtigung. Nicht um eine frühere Autorität um erneute Bestätigung zu bitten, sondern um meine eigene Geschichte in die Hand zu nehmen. Die Institution hat das Diplom ausgestellt. Was ich daraus mache, liegt bei mir.